Freitag, 13. März | 11.05

Transformative Prozesse


Unsere Welt steht am Kipppunkt: Sie vertrocknet, brennt, ertrinkt, erstickt – sie ist krank. Arten sterben aus, soziale Fragmentierung trifft Familien, Freundeskreise und ganze Gesellschaften. Wohnungsnot, Sanierungsstau und Leerstand prägen Städte, Dörfer und Lebensrealitäten. Wie weiter? Wie positioniert sich «die» Architektur? Sie steht mitten im Zentrum dieser Krisen – als aktive Gestalterin und zugleich als passive Kulisse.

Wir können weitermachen wie bisher und Ersatzneubauten anstelle «nicht erhaltenswerter» Gebäude errichten oder im Namen klimagerechten Bauens immer aufwendigere Konstruktionen realisieren und auf den nächsten Auftrag warten. Doch wozu hat diese Praxis geführt? Es scheint, als reiche das Gewohnte nicht mehr aus, um auf die Herausforderungen unserer Zeit relevante Antworten zu liefern.

Architektur bietet jedoch die Chance, Verantwortung zu übernehmen und einen Unterschied zu machen. Architektur wird damit zur politischen, ökologischen und sozialen Initiative. Sie formt nicht nur Räume, sondern auch Prozesse, Strukturen und Möglichkeitsräume eines anderen Lebens. AFEA (Association for Ecological Architecture) versteht Architektur als Ausgangspunkt transformativer Prozesse, die sie selbst initiiert und gestaltet. Die Prozesse beginnen nicht mit der Form, sondern mit einem Anruf bei der:m Bürgermeister:in oder der Wohnbaugenossenschaft. Architektur setzt Prozesse in Gang, die konzeptionelle, bauliche und ästhetische Konventionen hinterfragen und Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen ermöglichen.

Das (um)gebaute Objekt ist Ausdruck dieses Prozesses. Das Bestehende – soziale, politische, wirtschaftliche und bauliche Strukturen – wird neu zusammengesetzt und in eine kohärente Form überführt. Ausgehend von dem, was bereits da ist und was wir täglich sehen und erleben, können wir neue Perspektiven entwickeln. Vorhandene Teile neu lesen, zusammensetzen und dadurch in ihrer Bedeutung und ihrem Ausdruck transformieren.

Ungewohnte Strategien machen dabei unerwartete Möglichkeiten sichtbar. Ein zweiter Blick auf vermeintlich Verlorenes lohnt sich. Diese bewusste Positionierung, Architektur anders zu denken und zu praktizieren, kann ungewohnt und mitunter dissonant wirken. Doch gerade in dieser Dissonanz liegt das Potenzial für Veränderung. JB, AM

Jurek Brüggen, geboren 1993 in Berlin (Deutschland), Architekturstudium an der ETH Zürich. Gründer von undjurekbrüggen und Eins und Viele sowie Mitgründer von AFEA. Stipendiat der Deutschen Akademie Rom – Casa Baldi (2025). Gastprofessor im Sommersemester 2025 für den Umgang mit dem baulichen Bestand am KIT Karlsruhe.

Aimée Michelfelder, geboren 1993 in Rohtrist (Schweiz), Architekturstudium an der FHNW in Muttenz und Universität der Künste Berlin. Mitgründerin von AFEA. Selbstständig mit ammi, Mitarbeit bei undjurekbrüggen. Seit Februar 2026 Assistentin am Institut Architektur an der FHNW in Muttenz.