Grellgasse


Wien wächst – und bekennt sich zur dichten Stadt. Jährlich entstehen rund 8 000 neue geförderte Wohnungen, so auch im Norden Wiens in der Grellgasse in Floridsdorf. Auf dem ehemaligen Gelände der OMV-Zentrale, einem Ort industrieller Energiegeschichte, wurde 2018 ein leistbarer Wohnbau mit 341 Wohnungen und Kindergarten realisiert.
Für Carla Lo Landschaftsarchitektur bot das Projekt die Möglichkeit, den Freiraum als Experimentierfeld für Circular Design zu nutzen und Urban Mining erstmals konsequent umzusetzen. Bereits vor dem Abriss wurde das leerstehende OMV-Gebäude von den Materialnomaden vollständig erfasst und analysiert. Die gewonnenen Bauteile sollten direkt im neuen Freiraum wiederverwendet werden.
Im Zentrum stand die Frage nach der Zeichenhaftigkeit von Materialien: Welche Geschichten erzählen sie über Herkunft, Ort und Erinnerung? Upcycling wurde nicht als bloße Wiederverwertung verstanden, sondern als gestalterischer Akt. Entscheidend war die Aussagekraft der Elemente, nicht ihre Menge. Verwendet wurden charakteristische Bauteile wie speziell geformte Betonfassadenelemente, glänzende Edelstahlhandläufe und eine Stahlkonstruktion aus dem Innenraum. Anonyme Materialien ohne Ortsbezug blieben außen vor.
Aus den Fassadenteilen entstanden Sitzbänke und Trittplatten, aus den Handläufen Spielgeräte und Fahrradständer, aus der Stahlkonstruktion ein Sonnenschutz für den Spielplatz. Der Entwurfsprozess folgte dabei nicht einem vorab definierten Konzept, sondern den vorhandenen Materialien und ihren Eigenschaften. So entstand eine eigenwillige Collage aus Fragmenten, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet und von den Bewohner:innen weitergeschrieben wird.
Die Wiederverwendung erforderte eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten. Die Bauteile wurden gereinigt, aufbereitet und händisch nachbearbeitet. Neben dem gestalterischen Mehrwert überzeugt auch die ökologische Bilanz: Rund 3,8 Tonnen CO₂ konnten eingespart werden. Circular Design wird hier als Haltung verstanden – verantwortungsvoll, ortsbezogen und zukunftsweisend für die Landschaftsarchitektur.

Carla Lo gestaltet seit 17 Jahren urbane Wohnumfelder, Plätze, Parks und Fußgängerzonen. Ihre Arbeit umfasst sowohl Konzepte im städtebaulichen Maßstab als auch Studien zu unterschiedlichen landschaftsarchitektonischen Fragestellungen. Lehrtätigkeiten, Gastprofessuren und Juryarbeiten ergänzen ihre Praxis als Landschaftsarchitektin.