MARGIT ULAMA.
Dissonanz ist bereits für sich alleine genommen ein nicht leicht fassbarer Begriff. Denn das Dissonante birgt den Gegensatz oder Widerspruch ebenso in sich wie zum Beispiel die Disharmonie – und damit ein subjektives Unbehagen an einem Klang oder einer architektonischen Komposition, die ungewohnt erscheint. Doch die Implikationen des Begriffs sind heute noch viel weitreichender als in früheren Zeiten, da tiefgreifende Widersprüche unsere gesamte Lebenswelt erfasst haben. Ist dies nun negativ zu sehen, oder kann das Dissonante auch etwas Kreatives bedeuten? Genau das ist aber die These des diesjährigen Generalthemas: Dass gerade das Dissonante einen eminent produktiven Aspekt in sich trägt und dabei zugleich die heutige Zeit mit ihren fundamentalen Umbrüchen widerspiegelt. Damit sind wir mitten im Thema, bei dem es um etwas ganz anderes geht als bei einem klassischen Ansatz.
Zur weiteren Erläuterung des aktuellen Mottos sei in der Geschichte des Festivals etwas weiter ausgeholt. TURN ON verfolgt seit Beginn an die Idee, ein möglichst breites, ja sogar heterogenes Spektrum an architektonischen Themen zu präsentieren. Ein Konzept, das sich über die Jahre hinweg etabliert und differenziert hat. Im Programm am Samstag werden bewusst „harte Schnitte“ zwischen unterschiedlichen Entwurfspositionen und Bauaufgaben gesetzt. Doch die Idee der Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit kann und soll eben weitergedacht werden – im Sinne einer „kreativen Dissonanz“.
Was ist damit gemeint? Damit kein Missverständnis entsteht: Natürlich gibt es klassische Themen der Architektur und tradierte Konzepte, die die Zeiten überdauern und weiterhin relevant sind. Auf der anderen Seite nimmt die Komplexität der Welt stetig zu, und wir sind mit enormen Umbrüchen und Herausforderungen konfrontiert, die nur bewältigbar sind, indem Vieles ganz anders gedacht wird, aber auch gedacht werden kann. Noch vor kurzer Zeit war die Offenheit geringer. Es werden neue Themen ins Spiel gebracht, ungewöhnliche Kombinationen von Themen und andersartige Blickwinkel – ein dissonantes Spiel der Methoden kann Neues eröffnen. Das Festival 2026 will den Blick in diese Richtung schärfen.
Vor einem Jahr präsentierte das junge Büro AFEA bei seinem Vortrag am Samstag die Überlagerung eines Plattenbaus der DDR mit der Idee des Einfamilien- bzw. Terrassenhauses. Die Architekt:innen rücken den vor wenigen Jahren noch verpönten Bautypus in den Fokus, sie transformieren und überlagern ihn mit einer konträren Idee. Dadurch schaffen sie einen zwischen unterschiedlichen thematischen Ebenen changierenden Umbau, ganz im Sinne einer „kreativen Dissonanz“ und den vielfältigen Implikationen, die in diesem Begriff stecken. Gleichsam in logischer Konsequenz sind Jurek Brüggen und Aimée Michelfelder als Festvortragende 2026 eingeladen – ein Novum, stehen die beiden jungen Architekt:innen noch ganz am Beginn ihrer Karriere. Doch gerade das prädestiniert sie, zu dem diesjährigen Generalthema zu sprechen und damit auch eine Antwort auf eine der zentralen Fragen der Gegenwart zu geben: Welche neuen Perspektiven können Architekt:innen in der gegenwärtigen, immer komplexeren Arbeitswelt entwickeln?
Das diesjährige Programm für den Samstag zeigt immer wieder einen vorsichtigen, empathischen, vielleicht sogar konservativen Umgang mit dem Bestand, vor allem was die Zentren kleinerer Städte und Orte betrifft. Es wird aber auch der großvolumige, betont großstädtische Wohnbau gezeigt. Wiederum ganz anders ein Mietwohnungshaus in Wien, das etliche Aspekte des Wohnens in der Stadt und mit der Stadt neu interpretiert. In diesem letzteren Sinn braucht gerade die heutige Zeit unkonventionelle Ansätze. Bereits im letzten Jahr wurde die Wiederverwendung von Bauteilen präsentiert, denen als Ready-made neue Funktionen und damit eine neue Ästhetik verliehen wurde; oder auch die ungewöhnliche Kombination von Materialien in innovativen Kühlelementen. Das diesjährige Programm versteht sich damit als Fortsetzung des letzten und will den Blick vermehrt auf das Dissonante lenken. Dann sind Präfabrikation und traditionelle, fast schon vergessene Materialien bzw. Bautechniken nicht mehr unvereinbare Gegensätze, sondern beides kann in einer Art Synthese ein hohes kreatives Potenzial entfalten.