Eine Baulücke als Kondensator bestehender Baustrukturen
SULM11, auf einer 600m²-Parzelle in einem Ottakringer Baublock errichtet, versucht über die Parzellengrenzen hinaus in das Quartier um die Hasnerstraße zu wirken. Ziel war, aus der Struktur der Bestandsstadt die Anforderungen des Klimawandels und der Klimaanpassung auf Gebäudeebene aufzugreifen und eine „Neue Nachbarschaft“ des Hauses und seiner Umgebung aufzubauen.
Vorgeschriebene Baufluchten, Hofgestaltungen und Bauweisen wurden bewusst hinterfragt, um Wohnqualität, Licht und Raumgefühl als Hintergrund für ein nachbarschaftliches Nebeneinander zu verbessern. Die Aufteilung in zwei Gebäude nutzt den Sprung der Bauklassen und schafft einen klimatischen und visuellen Ausgleich zwischen Straßenraum und Blockinnerem. Die skulpturale Beschattung unterstützt ein angenehmes Mikroklima und räumliche Prägnanz. Die Wohnungen beziehen sich aktiv auf den öffentlichen Raum, zusammenhängende Balkone fördern Interaktion mit Nachbarschaft und Stadt. Gemeinschaftlich genutzte Räume sind bewusst begrenzt, das Erdgeschoß wird programmatisch gewerblich genutzt – so wird der Aktionsradius der Bewohner:innen subtil auf das Quartier und die Stadt erweitert.
Ein zentrales Experiment ist die Energieversorgung: Sommerliche Wärme wird auf den Dächern und aus den Wohnungen in einer geothermischen Massebatterie unter dem Gebäude gespeichert. Im Winter werden die Heizung und Warmwasser ganzjährig von einer Wärmepumpe bereitgestellt. Heute noch sensationell, erlaubt Geothermie 2.0, das Gebäude dekarbonisiert und faktisch kostenfrei im Free-cooling-Betrieb zu temperieren. Wohnräume bleiben selbst bei Hitzewellen unter 26 °C, während überschüssige Wärme der Stadt entzogen wird. Die Speicherfähigkeit der Bauteilaktivierung erlaubt einen kostenminimierenden Betrieb mit Windkraftstrom, der über einen preisoptimierenden Algorithmus von der Anlage bezogen wird. In EU weitem Stromnetz gedacht, erlaubt diese Technologie eine deutliche Senkung der bevorstehenden Netzausbaukosten am Weg in eine nachhaltige, elektrische Energiegesellschaft.
Die Miet- und Betriebskosten, Hausordnung und Nutzungskonzepte wurden auf aktive Mitgestaltung der Bewohner:innen ausgerichtet. Dabei musste an der noch immer an Öl und Gas orientierten Gesetzeslage entlanggeschrammt werden. SULM11 ist ein privates, architektonisches und städtebauliches Experiment, das schrittweise erkundet, wie städtisches Wohnen in gründerzeitlicher Parzellenstruktur zukunftsfähig, komfortabel und sozial vernetzt gestaltet werden kann. Die Klimawende entscheidet sich in der Bestandsstadt.
Johannes Zeininger Zeininger Architekten – Bürogründung 1991 mit Angelika Zeininger. „Weiterbauen an der Stadt” sowie der Komplex „Hinzufügen” in Theorie und Praxis sind Schwerpunkt ihrer Arbeit. Energieflüsse bei Transformationsprozessen und die Erkundung von urbanem Lebensalltag gewinnen in ihrem Atelier an Bedeutung. Neben der praktischen Arbeit gibt es Erfahrung in Lehre und Forschung.
Lisi Zeininger forscht, lehrt und plant zu Fragen der Architektur und Stadtentwicklung. Neben langjähriger Forschungs- und Lehrtätigkeit an der TU Wien ist sie in unterschiedlichen Konstellationen an Ausstellungen, Bühnenräumen und Wohnarchitekturen beteiligt. Sie ist Mitbegründerin der Arbeitsgruppe TAT, Mitglied der IG Architektur und Teil von Zeininger Architekten.